Der Fürst
...Um also mit den ersten der oben genannten Eigenschaften zu beginnen, stelle ich zunächst fest, wie gut es wäre, für freigebig gehalten zu werden; doch die Freigebigkeit auf solche Weise geübt, daß du auch in ihrem Ruf stehst, schadet dir; wenn man sie nämlich im Sinn einer Tugend übt und so, wie man es sollte, wird sie nicht bekannt werden und dich nicht vor dem Ruf ihres Gegenteils be wahren. Daher ist es nötig, wenn man bei den Menschen im Ruf der Freigebigkeit stehen will, keine Form der Prachtentfaltung auszulassen; so wird ein Fürst dieses Schlages stets für derlei Darbietungen alle seine Mittel aufbrauchen und schließlich, wenn er sich den Ruf der Freigebigkeit erhalten will, genötigt sein, das Volk mit außergewöhnlichen Abgaben zu belasten, hohe Steuern zu erheben und alles zu unternehmen, was man tun kann, um zu Geld zu kommen. Dies wird dazu führen, ihn bei seinen Untertanen verhaßt zu machen und ihn bei jedermann in Verruf zu bringen, weil er verarmt; hieraus ergibt sich: Da er durch seine Freigebigkeit viele geschädigt und wenige belohnt hat, wird die erstbeste Gefahr ihn in Bedrängnis bringen; wenn er dies erkennt und sich dem entziehen will, gerät er sogleich in den Ruf der Knauserigkeit. Da also ein Fürst die Tugend der Freigebigkeit nicht ohne eigenen Schaden auf solche Weise üben kann, daß sie auch bekannt wird, darf ihn, wenn er klug ist, der Ruf der Knauserigkeit nicht kümmern; denn mit der Zeit wird er immer mehr für freigebig gelten, wenn man sieht, daß er aufgrund seiner Sparsamkeit mit seinen Einkünften auskommt, sich gegen einen Angreifer verteidigen und eigene Unternehmungen durchführen kann, ohne das Volk zu belasten; so wird er schließlich freigebig gegenüber allen, denen er nichts nimmt, und diese sind zahllos, und knauserig gegenüber allen, denen er nichts gibt, und derer sind wenige. In unserer Zeit haben wir große Taten nur diejenigen vollbringen sehen, die für knauserig gehalten wurden; die anderen sind gescheitert. [ ] Daher muß ein Fürst es geringachten, in den Ruf der Knauserigkeit zu geraten, wenn er dafür seine Untertanen nicht auszuplündern braucht. sich verteidigen kann, nicht in Armut und Verachtung gerät und nicht gezwungener- maßen raubgierig wird; Knauserigkeit gehört nämlich zu jenen Untugenden, die seine Herrschaft ermöglichen. Und wenn jemand entgegnen wollte, Cäsar sei durch Freigebigkeit an die Macht gelangt und viele andere seien zu höchsten Würden aufgestiegen, weil sie freigebig gewesen und auch dafür gehalten worden seien, so erwidere ich: Entweder bist du schon ein Fürst oder du bis noch auf dem Weg, es zu werden; im ersten Fall ist die Freigebigkeit schädlich; im zweiten ist es allerdings nötig, für freigebig gehalten zu werden. Und hierzu gehörte Cäsar, der die Herrschaft über Rom erlangen wollte; wenn er aber, nachdem er dies erreicht hatte, am Leben geblieben wäre, ohne sich in seinen Ausgaben einzuschränken, so hätte er seine Herrschaft zunichte gemacht. [ ] Gibt es doch nichts, was sich selbst so verbraucht wie die Freigebigkeit; während du sie übst, verlierst du die Fähigkeit, sie zu üben, und wirst entweder arm und verächtlich oder — um der Armut zu entgehen — raubgierig und verhaßt. Und wovor sich ein Fürst am meisten zu hüten hat, ist, verächtlich und verhaßt zu sein; die Freigebigkeit aber führt zu beidem. Daher liegt mehr Klugheit darin, sich mit dem Ruf der Knauserigkeit abzufinden, der zwar Unehre, aber keinen Haß erzeugt, als den Ruf der Freigebigkeit anzustreben und dadurch genötigt zu sein, sich den der Raubgier einzuhandeln, der Unehre und Haß zugleich erzeugt. ...
Niccolò Macciavelli: „Der Fürst“/"Il principe" aus dem Jahr 1532
